Dem Tod einen Platz im Leben geben

Dekane und Erzpriester kritisieren Wandel in der Bestattungskultur - Ziel: Würde bewahren

Die Asche eines Toten über dem Meer verstreuen, Urnen irgendwo im Wald oder in einem Rasenstück anonym vergraben: „In der Bestattungskultur vollzieht sich ein Wandel, aber nicht zum Guten“, sagt der Dekan des evangelischen Kirchenbezirks Künzelsau, Dr. Friedemann Richert. Mit seinem katholischen Kollegen Ingo Kuhbach und dem griechisch-orthodoxen Erzpriester Martinos Petzolt will er – mit Blick auf die Passionszeit – auf diesen Wandel aufmerksam machen und hofft auf eine „Wiederentdeckung der kommunalen Friedhöfe“.

So seien Friedhöfe von jeher in der Ortsmitte, mitten unter den Menschen, erklärt Richert. Inzwischen sei die Tendenz, die Toten möglichst aus dem Alltag der Lebenden zu verbannen, etwa am Ortsrand oder in Friedwäldern fernab von Dörfern und Städten. Haben die Menschen eine zunehmende Berührungsangst vor dem Tod? Vor allem sei keine Berührung mehr mit dem Leichnam erwünscht, sagt Richert. Dabei könne die Begegnung mit dem leblosen Körper Menschen bei der Verarbeitung des Verlustes nützen, ist er überzeugt.

Diese Erfahrung hat auch Ingo Kuhbach gemacht und geht noch einen Schritt weiter: Allein der Anblick eines Sarges mache den Tod für die Angehörigen begreiflicher als eine Urne. „Es fällt einem zwar zunächst schwerer, aber der Abschied am Sarg ist eindrücklicher und hilft den meisten.“ In der griechisch-orthodoxen Kirche erscheinen die Berührungsängste geringer: „Viele küssen den Verstorbenen im Sarg zum Abschied“, sagt Martinos Petzolt. Überhaupt sei in der griechisch-orthodoxen Gemeinde die Erdbestattung vorherrschend und erwünscht. „Warum soll ich etwas ändern, das seit Jahrhunderten gut ist? Warum soll ich es besser wissen als meine Vorfahren?“ Das sei die Haltung, die dahinter stehe. Richtlinien, eine gewisse Normierung, die die Kirche ausmache, gäben Halt und Orientierung.

Auch im katholisch geprägten Jagsttal seien die Menschen noch sehr traditionell, erklärt Ingo Kuhbach. „Darüber bin ich sehr froh“, ergänzt er. 70 Prozent seien noch Erdbestattungen im Sarg, nur 30 Prozent entschieden sich für eine Urne. In Künzelsau sei das Verhältnis umgekehrt, berichtet Richert. Wobei die Geistlichen betonen, dass sie Urnenbestattungen keineswegs verurteilen. Oftmals seien ja die Kosten ein Grund – zusammen mit der weniger aufwändigen Grabpflege. Es müssten deshalb mehr Möglichkeiten für Erdgräber geschaffen werden, die wenig Pflege bedürfen. Auch bei Menschen mit Sozialbestattungen finde sich immer eine Lösung für eine würdevolle Bestattung, sind die drei überzeugt. „Wir stellen uns da gerne als Ansprechpartner zur Verfügung“, sagt Friedemann Richert.

„Anonyme Bestattungen lehne ich hingegen gänzlich ab“, betont er. Viele Menschen wüssten nicht, was das bedeute. Sie wüssten nicht, dass sie ohne Namensschild, ohne Zeremonie, ohne jeglichen Beistand an einem für die Angehörigen unbekannten Ort vergraben werden. „Das ist würdelos!“ Der letzte Wille der Menschen sei natürlich zu respektieren – wenngleich nicht jeder letzte Wille auf Gegenliebe bei den Geistlichen stößt. Zwar gehe man Kompromisse ein, doch nicht immer: Bei einer Beerdigung habe es den Liederwunsch „Highway to Hell“ gegeben: „Das habe ich abgelehnt“, sagt Friedemann Richert, Das sei ja nun auch die falsche Richtung, scherzen die Kollegen. Daran zeige sich aber, dass Beerdigungen zunehmend zu einem Event würden. Das spiegele den Individualismus in der Gegenwart. „In Teilen Deutschlands gibt es den Tag des Friedhofs“, berichtet Richert. „Da zeigen alle, die etwas mit Bestattungen zu tun haben, ihre Waren – Probeliegen im Sarg inklusive.“ Kindern würden Särge zum Bemalen angeboten. Das sehe er kritisch.

Die Passionszeit könne dazu dienen, sich in Leid zu üben und sich mit der eigenen Sterblichkeit auseinanderzusetzen, findet Dekan Kuhbach. Dabei helfe eine Zuversicht über das diesseitige Leben hinaus, sind die Drei überzeugt.

Tamara Ludwig, Hohenloher Zeitung, 31.03.2018, www.stimme.de