"Die Kirche hat ein Glaubwürdigkeitsproblem"

Schulseelsorgerin Marion Jünger aus Kupferzell spricht im Stimme-Interview über ihre Arbeit, die Krise der katholischen Kirche und darüber, wie das Vertrauen auf Gott trotz Leid und Widrigkeiten gelingen kann.

Foto: Mario Berger

Sie ist Schulseelsorgerin an der Gemeinschaftsschule in Kupferzell, seit einem Vierteljahrhundert Religionslehrerin und engagiert sich bei der katholischen Frauenbewegung "Maria 2.0": Im Stimme-Interview spricht Marion Jünger über den Glauben der Jugend, die Krise der katholischen Kirche und ihre ganz persönliche Beziehung zu Gott.

Frau Jünger, wenn jemand den Begriff noch nicht gehört hat: Was macht eine Schulseelsorgerin?

MarionJünger: Wir wollen Schutz und Begleitung anbieten. Die Schulseelsorge ist bei uns in der Diözese etwas ganz Wichtiges geworden, seitdem sie vor einigen Jahren entwickelt worden ist: Denn der Auftrag eines Religionslehrers kann nicht mit dem Unterrichtsende enden. Unser Angebot richtet sich an alle: Schüler, Lehrende und auch an Eltern.

Mit welchen Problemen und Sorgen kommen die Menschen ganz konkret zu Ihnen?

Jünger: Häufig wenn das Thema "Trauer" ansteht, etwa ein Familienmitglied verstorben ist oder bei Krankheit stirbt. Es kommen Eltern auf mich zu, deren Kinder gerade jetzt in Corona-Zeiten Ängste haben. Dann machen wir gerne einen Spaziergang zusammen. Die Themen Missbrauch und Suizid kommen auch vor - bei solchen Fragen ziehe ich aber Therapeuten hinzu.

Welche Rolle spielt die Allmacht der Sozialen Medien mit dem damit verbundenen Druck zur permanenten Selbstoptimierung und zum Vergleich?

Jünger: Für die Themen Cybermobbing und andere Probleme der digitalen Medien haben wir spezielle Fachleute an der Schule. Da begleite ich eher betroffene Jugendliche seelisch, die dann mit den Folgen zu kämpfen haben. Bei Essstörungen etwa trete ich mit den Familien in Kontakt und kümmere mich, wenn die oder der Betroffene in Therapie geht, darum, dass der Kontakt zur Klasse bestehen bleibt.

Gibt es einen konkreten Fall, den Sie bis heute nicht vergessen können?

Jünger: Im Gedächtnis ist mir die Begleitung von Schülerinnen geblieben, wo es Missbrauch im Umfeld gab. Das ist komplex, weil es viele Faktoren und Folgen gibt: Verdrängung, Schulprobleme und psychische Auswirkungen. Wir haben da die Beratungsstelle Infokoop, die sich gegen häusliche und sexuelle Gewalt engagiert, und die Schulsozialarbeit mit ins Boot geholt.

Kraft Ihrer langjährigen Erfahrung: Was macht die Pandemie mit jungen Menschen?

Jünger: Sehr viel, was im Moment noch gar nicht sichtbar ist: Rückzug, Schwierigkeiten beim Wieder-Zurechtfinden in der Gemeinschaft, um nur einige Punkte zu nennen. Und natürlich aber auch Probleme in der schulischen Leistung und beim Wiederaufholen des Stoffs. Aber ich glaube nicht, dass die Jugend einen "Pandemie-Knacks" bekommt - Probleme treten nur wie unter einer Lupe deutlicher hervor.

Wenn Sie schätzen müssten: Wie viele junge Menschen glauben denn heute noch an Gott?

Jünger: Das kommt auf die Definition an: In Verbindung mit Kirche und Institution eher weniger, aber ich bin immer wieder überrascht, welch klare Bilder in allen Altergruppen vorhanden sind und wie groß der Bezug zu Gott ist. Nur die Kirchentradition und die gelernten vorgefertigten Antworten sind weniger geworden.

Womit wir beim Thema Institution wären: Der katholischen Kirche, der auch Sie in offizieller Funktion im Dekanat dienen, laufen die Mitglieder in Scharen davon. Woran liegt das aus Ihrer Sicht?

Jünger: Die Kirche hat ein Glaubwürdigkeitsproblem: Wir haben Skandale und Probleme in der Kirche, die tief gründen und die an den Strukturen kratzen. Es gibt nichts Schwierigeres, als die eigenen Strukturen zu verändern.

Auf die Revolution von oben braucht man bei der katholischen Kirche nicht zu hoffen, oder doch...?

Jünger: Ja, das ist ein großes Problem. Denn die Veränderung muss von den Amtsträgern kommen: Die Laien, etwa wir bei "Maria 2.0", die Reformen wünschen, können sie selbst nicht durchsetzen. Da braucht es Einsicht an der Spitze. Ich erlebe zwei Reaktionen: Die einen wollen sich von den Austrittszahlen nicht beeindrucken lassen, die anderen sagen: Es ist fünf nach zwölf.

Warum ist die Macht der Beharrer so groß?

Jünger: Ich denke inzwischen, dass das viel mit Angst zu tun hat. Denn die alten Strukturen bieten auch einen Schutz: Sich dem Alltag, den Herausforderungen der Zeit und damit dem wirklichen Leben auszusetzen - das ist nicht einfach.

Wenn nun wirklich ein Wunder geschähe - und Sie plötzlich katholische Bischöfin wären: Was würden Sie an Ihrem ersten Arbeitstag sofort ändern?

Jünger: Ich würde eine Rochade einführen: Alle Ehrenamtlichen übernehmen die zentralen Stellen innerhalb der Diözese - und alle, die zur Zeit ein Amt innehaben, dürfen in das von ihnen so geliebte und gelobte Ehrenamt wechseln. Dann könnten die Ehrenamtlichen all ihre Erfahrungen von der Basis einbringen und die überfälligen Entscheidungen treffen. Die Amtsinhaber könnten ihre tollen Ideen endlich einmal selbst in die Praxis umsetzen - das müsste doch für alle eine Freude sein (lacht).

Was wäre Ihr Traum und der Ihrer Mitstreiterinnen bei "Maria 2.0"?

Jünger: Da wird oft etwas falsch verstanden: Wir Frauen streben nicht die Ämter der Männer an, sondern wollen die Abschaffung der Hierarchie und eine Rückbesinnung auf das, was Jesus gelebt hat: Mitten unter den Menschen den Glauben verkünden - und gleichberechtigt und damit glaubwürdig leben.

Wie stellen Sie sich persönlich Gott vor?

Jünger: Mein Glaube ist in der Familie entstanden, durch Beziehung. Für mich ist Gott etwas, das transzendent ist und über mich hinausweist, aber ich kann sie oder ihn nicht festlegen. Gott ist größer, als ich ihn denken kann.

Haben Sie den Glauben mal verloren?

Jünger: Ich hatte immer wieder Zeiten von Distanz. Aber eher aus Nachlässigkeit. In Krisenzeiten jedoch hat mich der Glaube gestärkt, weil ich Antworten und Hilfe darin gefunden habe.

Warum lässt Gott Dinge wie die Pandemie, Kriege oder Auschwitz geschehen?

Jünger: Die Theodizeefrage zu beantworten übersteigt das Format eines Interviews - und das übersteigt auch meine Antwortmöglichkeiten. Aber wenn ich auf die großen Probleme der Welt schaue, sind sie schon menschengemacht und durch Menschen zu verantworten. Menschen sind in der Schöpfung Wesen mit unendlicher Freiheit und können entweder friedvoll und verantwortungsvoll oder eben gewalttätig miteinander umgehen.

Liebt Gott auch Transgender oder Homosexuelle? Die Kirche jedenfalls tut sich schwer damit...

Jünger: Die Amtskirche! Die Menschen in der Kirche tun sich damit nicht schwer: Bei uns in der Diözese hingen unlängst viele Regenbogen-Fahnen. Liebe ist immer richtig, wo sie in Verantwortung von Angesicht zu Angesicht stattfindet. Wenn sich zwei Menschen lieben, hat das mit dem Geschlecht nichts zu tun.

 

Christian Nick, Hohenloher Zeitung, 16.05.2021, www.stimme.de