Für eine Kirche ohne Scheuklappen

Aktivistinnen der Bewegung Maria 2.0 gründen im Dekanat Hohenlohe eine Frauenbundgruppe

Aktivistinnen der Bewegung Maria 2.0 gründen im Dekanat eine Frauenbundgruppe

Sie sind sechs starke Frauen, die gern miteinander nachdenken und reden, planen und handeln und die ihre spirituelle Heimat im christlichen Glauben haben: Elisabeth Baur und Martina Kretzschmar aus Schöntal, Sabine Beck aus Niedernhall, Renate Bertsch-Gut aus Künzelsau, Claudia Schackmar aus Pfedelbach und Christa Wolpert aus Ingelfingen. Alle sind oder waren lange Jahre in ihrer katholischen Kirche engagiert – haupt- und auch ehrenamtlich – als Leiterin der katholischen Erwachsenenbildung, als Gemeinde- oder Dekanatsreferentin, Religionslehrerin oder in der katholischen Arbeiterbewegung. Ihre Kirche liegt ihnen am Herzen. Zeitgemäß wollen sie ihren Glauben leben – in einer zukunftsfähigen und glaubwürdigen Kirche.

Doch in ihrer Kirche gibt es vieles, was ihnen missfällt. Auszutreten kommt indes nicht in Frage, „weil sich von außen nichts verändern lässt“. Stattdessen gründen die sechs Aktivistinnen, die von der Bewegung Maria 2.0 geprägt sind, nun eine Hohenloher Gruppe des katholischen Frauenbunds.

Seit dem Jahr 2019 haben sie in deren Geist auch in Hohenlohe immer wieder zu Aktionen und Gesprächsrunden eingeladen. „Aber eine lose Verbindung ist zu wenig“, sind sich die Frauen einig, um sich in und über Dekanat und Diözese hinaus zu vernetzen. Dabei geht es ihnen um Begegnung, Gemeinschaft und Spiritualität, um kirchenpolitische Aktivität, Vernetzung – und auch darum, Unrecht zu benennen.

Was sie antreibt, das wissen die sechs Gründerfrauen wohl auszudrücken – auch mit starken Symbolen. Sabine Beck hat genug von einer von traditionalistischen Männern geprägten Christa Wolpert zieht ein Seil aus ihrer Tasche, das für die „alten Seilschaften“ in der Kirche steht, die endlich ein Ende finden sollen. Das findet auch Renate Bertsch-Gut und zieht eine Eisplatte aus ihrem Rucksack – als Symbol einer eingefrorenen Kirche, die wieder auftauen müsse. Sie wolle nicht „zu den Trümmerfrauen einer kaputt gehenden Kirche zählen. Ich will in der Kirche bleiben, aber in einer anderen Kirche, die wieder wie lebendiges Wasser fließt.“

Und während sich Beck eine Kirche in den bunten Farben eines Regenbogens wünscht, in der alle Menschen und alle Lebensgemeinschaften Platz finden, erinnert Wolpert daran, dass Maria Magdalena – eine Frau – die erste Verkünderin der Osterbotschaft war. Das heißt für sie nicht nur, dass sie selber entscheiden will, „was und wie ich glaube“, sondern auch, „dass Frauen die Kirche gleichberechtigt mitgestalten, so dass in viel Freiheit Neues entstehen kann“. Und Elisabeth Baur ergänzt: Nicht antiquiertes Kirchenrecht, sondern „Nächstenliebe ist das wichtigste Gebot der Kirche.“

Für Claudia Schackmar resultiert daraus das Hauptproblem: blinde Männer in Kirchenämtern. Dafür stehen für sie die Scheuklappen, die sie zum Pressetermin mitgebracht hat: „Für schreckhafte Pferde ist das eine gute Erfindung, aber wenn Menschen die aufhaben, sehen sie nicht, dass auch rechts und links Gottes Geist weht.“ Mit solch eingeengtem Blick sehe man die Zeichen der Zeit nicht mehr.

Wie gute Gärtner müssten auch die Verantwortlichen in der Kirche tote Triebe, die nicht mehr grünen, abschneiden, damit junge Triebe an der Basis sprießen könnten, verdeutlicht Martina Kretzschmar mit einem dörren Ast aus dem Schöntaler Pfarrgarten. Wichtiger als Althergebrachtes ist ihr wie Claudia Schackmar die Botschaft der Bibel, in der in zeitgemäßer Sprache „Gott Geschichten von Menschen erzählt, die wachsen dürfen. Sie führt zu einer Lebendigkeit, die keine Scheuklappen braucht.“

Barbara Griesinger, Hohenloher Zeitung, 6.7.21, www.stimme.de