Gebraucht und doch wie neu

Von der Salzach an den Kocher: Heilig-Kreuz-Kirche in Ingelfingen bekommt endlich eine Secondhand-Orgel

Foto: B. Griesinger

Jeder kommt mal dran: Der Kirchenchor, der Kirchengemeinderat, der Frauenkreis – für zweieinhalb Stunden sind diesmal die Ministranten an der Reihe. Ein gutes Dutzend junger Leute hantiert vor der Ingelfinger Heilig-Kreuz-Kirche an langen Tischen mit Wassereimer und Putzlappen, Abtrockentüchern und Baumwollhandschuhen. Auf den Tischen liegen Orgelpfeifen – kleine, die nur wenige Zentimeter lang sind, und große von mehr als einem Meter Länge. Sie sind aus Zink oder einer Zinn-Blei-Legierung und mit 61 Jahren nicht nur im besten Orgelalter. Sie haben auch eine lange Reise hinter sich. Aus dem niederbayerischen Burghausen sind sie nach Ingelfingen gekommen, und bevor sie in der Heilig-Kreuz-Kirche in ein ganz neues Gehäuse eingebaut werden, muss jede einzelne Pfeife ordentlich geputzt werden.

„Das geht ganz einfach mit Wasser, Spüli und einem Lappen“, erklärt Ministrantin Sonja und wischt mit einem nassen Lappen über eine Orgelpfeife. Ihre Kameradin daneben reibt sie dann mit einem Tuch trocken. Sorgen, dass das Wasser den Pfeifen schadet, müssen sich die Ministranten nicht machen. Der Zinn-Blei-Legierung macht Feuchtigkeit nichts aus. „Das rostet nicht“, weiß Diakon Matthias Ankenbrand, der lange Kirchenmusikdirektor im katholischen Dekanat Hohenlohe war und mit Orgeln auf du und du ist.

Er leitet die Aktion zusammen mit Organist Christian Wick und dessen Niedernhaller Kollegen Thomas Fricke. „Wer Gläser putzen kann, der kann auch Orgelpfeifen putzen“, schiebt er nach und lacht. Und genauso vorsichtig wie mit Gläsern gehen die Ministranten auch mit den Orgelpfeifen um. Handschweiß mögen die Metallpfeifen allerdings gar nicht. Deshalb tragen alle, die nicht mit Wasser und Lappen hantieren, Baumwollhandschuhe. Auch die Jungs, die die Orgelpfeifen zur Putzstation vor der Kirche buchstäblich auf Händen tragen. Dort landen sie zuerst bei Thomas Fricke, der mit einem Kompressor den Staub aus den Pfeifen bläst und staunend merkt, dass die Pfeifen trotz ihrer 61 Jahre gar nicht so schmutzig geworden sind. Kein Wunder, schließlich gibt es in Niederbayern keine Schwerindustrie.

Gleich daneben packt Christian Wick die Pfeifen vom Pedalregister aus. Damit ihnen unterwegs nichts passieren konnte, sind sie dick in die Noppenfolie eingepackt worden – fast so wie empfindliche Pferdebeine in Transportgamaschen.

„Hört sich an wie eine Dachrinne, wenn man dran klopft. Denn die sind aus Zink“, sagt Christian Wick schmunzelnd von den Pfeifen, die für die tiefsten Töne der Orgel sorgen. Er freut sich, bis die Orgel aufgebaut ist. „Es ist ein schönes Instrument“, schwärmt er und gesteht: „Es war Liebe auf den ersten Blick.“ Die Schmid-Orgel aus dem Jahr 1957 sei als Begleiterin im Gottesdienst bestens geeignet.

Aber das wird noch dauern. „Ziel ist es, dass die Orgel an Ostern 2019 zum ersten Mal erklingt“, sagt Pfarrer Markus Morgen. Zuvor hat Orgelbauer Klaus Grüble noch einiges zu tun. Er muss die 1600 Pfeifen in 45 Registern nicht nur in ein neues Gehäuse einpassen. Auch Teile der Technik, die nicht mehr dem heutigen Standard entsprechen, werden erneuert.

Und jede einzelne Pfeife wird klanglich genau an die Ingelfinger Raumverhältnisse angepasst. Deshalb wird sie auch anders klingen als in Burghausen“, wissen die Orgelexperten Wick und Ankenbrand. Auf jeden Fall wird sie besser klingen als das elektronische Ersatzinstrument, mit dem sich Ingelfingens katholische Kirchengemeinde bislang begnügen musste. Davon ist Pfarrer Morgen felsenfest überzeugt. Auch optisch wird die Orgel einen neuen Akzent setzen: Schließlich nimmt sie direkt neben dem Altar einen prominenten Platz in der Kirche ein und betont damit die enge Verbindung zwischen der universellen Sprache der Musik und dem Wort Gottes

Barbara Griesinger, Hohenloher Zeitung, www.stimme.de