Katholischer Pfarrer schlägt Thesen an Kirchentür

Pfarrer Klaus Kempter unterstützt die kirchliche Fraueninitiative Maria 2.0 - Überraschende Aktion im gottesdienst

Foto: Regina Koppenhöfer

An vielen Orten landauf und landab haben die Aktivistinnen der reformfreudigen kirchlichen Fraueninitiative Maria 2.0 im Februar Plakate aufgehängt. "Thesen Maria 2.0" - in Anlehnung an Martin Luther - haben sie diese überschrieben. Die Frauen weisen in ihren Thesen auf Ungleichbehandlung in der katholischen Kirche hin und sie fordern Reformen. In Öhringen fand der Thesenanschlag gleich einem Paukenschlag statt: Nicht Frauen hefteten das Plakat an die Kirchentür. Es war Klaus Kempter, der Pfarrer der katholischen Kirchengemeinde St. Joseph, der dies machte.

Der Gottesdienst vergangenen Sonntag ist fast zu Ende, da greift Pfarrer Kempter zu einem großen Plakat. Er verkündet seinen Gläubigen, dass er nun - nachdem keine Frauengruppe in seiner Kirchengemeinde die Thesen an die Kirchentüren geheftet habe - dies also selbst in die Hand nehmen werde. Einige Gottesdienstbesucher in den Kirchenbänken schütteln den Kopf. Es brandet aber auch spontaner Applaus auf. Unter Beifall zieht der Pfarrer dann an die Kirchentür. Dort heftet der Seelsorger eigenhändig die Thesen Maria 2.0 an die Tür.

"Ich bin nicht nur der Pfarrer der Amtskirche oder der Männer, ich bin auch der Pfarrer der Frauen", erklärt Klaus Kempter auf die Nachfrage der Hohenloher Zeitung, warum er denn Initiative für die Frauen ergriffen habe. Von Anfang an stand Kempter hinter den Forderungen der Fraueninitiative Maria 2.0, die erstmals im Mai 2019 bundesweit mit einem Kirchenstreik Aufmerksamkeit erregte. Damals hat sich auch in St. Joseph eine Frauengruppe an Maria 2.0 beteiligt und eine Aktion auf die Beine gestellt. Im hiesigen Dekanat entstand eine Initiative, die auch noch weiter wirkt.

Anlässlich der Frühjahrsvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz im Februar hat sich Maria 2.0 nun bundesweit und medienträchtig zurück gemeldet: Frauen hängten ihre Thesen Maria 2.0 in 22 Bistümern an gut 1000 Kirchen- und Domtüren. In den sieben Thesen geht es um den Zugang zum kirchlichen Amt unabhängig vom Geschlecht. Es geht um die Aufhebung der Zölibatsverpflichtung, auch um einen anderen Umgang mit Macht in der Kirche. Es geht darin um ein anderes Verständnis von Sexualität und Partnerschaft und um einen glaubwürdigen Einsatz für das Evangelium in unserer Gesellschaft.

Pfarrer Klaus Kempter macht sich für Reformen in der katholischen Kirche schon lange stark, etwa auch, indem er in der Aktionsgemeinschaft Rottenburg (AGR) mitarbeitet. Die AGR ist eine freie Meinungs- und Impulsgruppe die sich für notwendige Reformen einsetzt. Ihr gehören rund 150 Priester und Diakone der Diözese an.

Nach dem Gottesdienst am Sonntag sind die Reaktionen auf den provokanten Thesenanschlag unterschiedlich. "Die Aktion ist klar überfällig und notwendig. Wenn wir eine lebendige Kirche erhalten wollen, dann müssen wir diese Fragen angehen, sonst haben wir als katholische Kirche keine Chance", sagt Roman Füller aus Öhringen und stellt sich damit hinter die Aktion und den Pfarrer. Anders denkt eine Frau, die ihren Namen nicht in der Zeitung und im Internet lesen will. Die 52-Jährige hat am Sonntag den Thesenanschlag des Pfarrers live miterlebt. Danach sagt sie: "Ich bin Maria 1.0.Ich sehe die Rolle der Frau in der Kirche anders." Sie empfinde die Rolle der Frau in der katholischen Kirche "weniger kämpferisch". Für sie sei die Rolle der Frau "eher demütig und dienend", betont die Öhringerin. Das kann Ute Baier nicht unterstreichen. Die Öhringerin sagt: "Mich hat es berührt, dass er als Mann die Initiative ergreift. Es ist ein Anlass für mich, dass ich nicht mehr alles stillschweigend annehmen darf, dass ich nicht resignieren darf."

Wer den Öhringer Pfarrer kennt, weiß: Klaus Kempter ist keiner, der sich entmutigen lässt - nicht von starren Rahmenbedingungen, von Missständen oder Ungerechtigkeiten. Die frohe Botschaft Jesu liegt dem Seelsorger dafür zu sehr am Herzen. Es überraschte denn auch nicht, dass der Pfarrer, kurz bevor er die Thesen an die Kirchentür heftete, den Gottesdienstbesuchern zurief: "Für uns alle ist ein stillschweigender Austritt keine Option. Kämpfen wollen wir für uns und für unsere heranwachsenden Kinder und Enkelkinder. Kämpfen für einen Weg, der es uns und auch den nachfolgenden Generationen nicht nur erträglich macht, sondern sogar Freude, in unserer Kirche zu bleiben. Weil wir hier beheimatet sind, weil uns so sehr an ihr liegt. Damit es wieder um die Botschaft Jesu geht."

Regina Koppenhöfer, 04.03.2021, Hohenloher Zeitung. www.stimme.de