Rush-Hour für Wallfahrer

Hunderte Pilger begehen das jährliche Annafest und feiern den Festgottesdienst vor der Kapelle

Foto: Andreas Scholz

Anna ist ein besonderes Wort. Es liest sich wie Uhu oder Radar vorwärts und rückwärts gleich, was in der Sprachwissenschaft als so genanntes Palindrom bezeichnet wird. Im Christentum steht der beliebte Frauenname Anna für eine berühmte Person der Kirchengeschichte: die Heilige Anna die seit dem Mittelalter verehrt wird. In religiösen Schriften wird Anna als Mutter Marias bezeichnet. Die Heilige Anna wird daher auch als Großmutter Jesu Christi erwähnt.

Auch in Hohenlohe wird die Heilige Anna verehrt. Die Kapelle an der Jagst in Mulfingen ist ihr gewidmet. Am 26. Juli gedenken bundesweit Kirchengemeinden der Heiligen Anna und ihres Ehemannes Joachim. Die Kirchengemeinde Mulfingen begeht den Festtag traditionell mit mehreren Veranstaltungen.

Am Morgen pilgern die Gläubigen in Scharen zur Kapelle, um den festlichen Gottesdienst zu Ehren der Heiligen Anna zu feiern. Die Sonne sticht bereits um kurz nach neun Uhr heftig, als Dekan Ingo Kuhbach aus Mulfingen den Festgottesdienst im Grünen eröffnet. „Der Liederkranz Mulfingen kann uns heute nicht unterstützen, weil sich der Dirigent Erich Sittinger den Fuß gebrochen hat. Jetzt müssen wir Pfarrer eben mehr singen, zumindest das Halleluja bekommen wir sicher noch hin“, hat Kuhbach zunächst eine schlechte Nachricht für die Gläubigen.

Dennoch erklingt das traditionelle „Mutter Anna, wir dich grüßen, heut in frohem Jubelton“, laut aus zahlreichen Kehlen. Pfarrer Roland Rossnagel, stellvertretender Dekan des Dekanats Heilbronn, appelliert in seiner Predigt an die Festbesucher die Ohren und die Augen so wie Jesus zu nutzen, um genauer hinter die Fassade zu blicken. „Jesus sah in Zachäus nicht nur den obersten Zollpächter, sondern auch dessen Einsamkeit“, mahnt Rossnagel.

 „Steckt in unserem Partner oder der Partnerin auch was von Jesus Christus? Wie lesen wir Zeitungen? Und hören wir unter den täglichen Meldungen auch Gottes guten Schöpferwillen heraus?“, fragt er provokant. Nachdenklich stimmen die Besucher nach eineinviertel Stunden das Lied „Danket dem Herrn, denn er ist gut“ an.

Während ein Teil der Gottesdienstbesucher an der Getränkestation des Roten Kreuzes bei der Hitze den Durst löscht, zieht es manche Gläubige zum Verkaufsstand der Wachszieherei Carl Ehrler aus Bad Mergentheim. Gertrud Ehrler und ihre Tochter Marina Dorner haben alle Hände voll zu tun, um den Ansturm zu bewältigen. Auch Pfarrer Ulrich Hartmann aus Hollenbach nutzt die Gelegenheit und kauft ein Kreuz. „Am Besten laufen bei uns heute eindeutig Kerzen mit Motiven der Heiligen Anna“, betont Marina Dorner.

Die Kerzen sehen nicht nur schön aus, sondern erfahren am Anna-Tag auch noch eine besondere Behandlung, wie Pfarrer Volker Keith von der Kirchengemeinde St. Joseph im Kloster Schöntal weiß. „Kerzen und andere Gegenstände können am Anna-Tag gesegnet werden“, erklärt der Pfarrer. Beim abschließenden Festgottesdienst an der St. Annakapelle um 20 Uhr mit anschließender Lichterprozession durch die Ortsmitte von Mulfingen ist Frank Edmund aber nicht mehr mit von der Partie. „Unsere Mutter hat in Mulfingen gewohnt. Wir sind jedes Jahr beim Anna-Tag in der alten Heimat. Doch in diesem Jahr fahren wir bei der Hitze nach Hause“, so der Oedheimer.

Andreas Scholz, Hohenloher Zeitung, 28. Juli 2018, www.stimme.de