Was Menschen stark macht

Buntes Rahmenprogramm und bewegende Gespräche beim Caritas-Jubiläum im Kloster

Foto: Andreas Scholz

Vor 100 Jahren gründete sich der Diözesancaritasverband Rottenburg-Stuttgart. Auch für die Caritas Heilbronn-Hohenlohe ist das ein Grund zum Feiern. Seitdem unterstützt die Caritas Menschen, die aus den verschiedensten Gründen nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen und trägt dazu bei, sie stark zu machen für ein Leben, in dem der Alltag nicht immer leicht zu bewältigen ist. Und unter dem Motto „Mach dich stark“ steht auch die große Jubiläumsfeier im Kloster Schöntal.

Während der Vormittag mit seinem großen Kinderprogramm vor allem junge Familien anlockt – der Nachwuchs kommt beim Kinderprogramm mit dem Theater „Radelrutsch“ und der Zaubershow mit Christian Fontagnier voll auf seine Kosten – folgt nach dem Mittagessen eine Podiumsdiskussion. Mit Caritas-Regionalleiter und Gastgeber Stefan Schneider sowie Moderatorin Elvira Schimanski stehen im Festsaal des Kloster Gesprächspartner auf dem Podium, die zum Starkmacher-Motto des Tages einiges zu sagen haben.

Mit Anna-Lena Forster, die bei den Paralympics in Pyeongchang die Goldmedaille im Monoski errang, zieht olympischer Geist in den Festsaal ein. Sie erzählt vom Umgang mit Rückschlägen. „Mein Opa ist KfZ-Mechaniker gewesen und hat mir als kleines Kind eine Prothese gebaut. Ich konnte damit zwar laufen, aber später habe ich die Prothesen gegen den Rollstuhl eingetauscht, weil ich mich damit flexibler und beweglicher fühle“, erklärt die 25-jährige Psychologiestundentin aus Radolfzell. Als Moderatorin Elvira Schimanski wissen will, was sie persönlich stark macht, antwortet sie: „Ich wurde immer von meinen Eltern unterstützt, ich habe nie aufgegeben, und harte Arbeit zahlt sich irgendwann aus“.

Aufwühlend für die 130 Zuhörer ist auch der Impulsvortrag von Ole Hengelbrock, der bei Caritas International die Katastrophenhilfe koordiniert. Seine Tätigkeit führte den jungen Familienvater nach Somalia und Sierra Leone. „Humanitäre Hilfe sollte im Idealfall vor Ort für soziale Interaktion stehen und nicht nur als soziale Dienstleistung betrachtet werden“, betont er. Vor allem der Einsatz bei der Ebola-Epidemie in Sierra Leone ging Ole Henkelbruck nahe. „Die vollen Regale in deutschen Supermarktregalen bedeuten für mich jedes Mal eine Umstellung.“ Ansonsten helfe ihm sein Glaube, sich weiterhin mit Kraft für die gute Sache einzusetzen. „Wichtig ist es aber auch, wach zu bleiben. Wenn uns schlechte Nachrichten wie der Vulkanausbruch in Guatemala irgendwann nicht mehr betroffen machen, dann läuft in der Gesellschaft etwas schief“, bekräftigt Ole Hengelbrock.

Moderatorin Elvira Schimanski interviewt aber auch Rita Mayer und Jazaa Aljazaa, die in der Region Heilbronn leben. Mayer berichtet von ihrer jahrelangen Co-Abhängigkeit in der Ehe. „Mein Mann war 13 Mal zur Entgiftung in Weinsberg, aber er ist trotzdem nicht vom Alkohol weggekommen“, sagt sie. Es dauerte viele Jahre, bis sie sich Hilfe suchte und ihrem langen Leben in der Opferrolle ein Ende setzen konnte. „Ich bin froh, dass es inzwischen so viele soziale Hilfsangebote gibt, und es sollte sich auch keiner schämen, die Angebote auch anzunehmen“, so ihr Rat.

Jazaa Aljazaa stammt aus dem Nordirak, dem Kernland der Jesiden, und ist als Jeside vor der Verfolgung durch den IS geflohen. „Unsere Familie wurde vor die Wahl gestellt: Entweder wir konvertieren zum Islam oder man bringt uns um“, erzählt er. Inzwischen lebt der 20-Jährige seit drei Jahren zusammen mit seiner Mutter und seinen Geschwistern in Baden-Württemberg und hat nach dem Deutschkurs ein nächstes Ziel: „Ich will am Technischen Gymnasium meinen Abschluss machen“, sagt er. Was ihn jetzt stark macht? – „Ich bin froh, dass ich hier in Sicherheit leben kann und dass mich keiner im Glauben stört“.

Andreas Scholz, Hohenloher Zeitung, 19.6.2018, www.stimme.de